Charlie Stein
Parthenogenesis II bewegt sich zwischen Figur, Skulptur und Ikone. Die zentrale Form erscheint weniger als menschlicher Körper denn als verdichtetes Volumen, das sich aus glänzend schwarzen, hellen und fleischfarbenen Formen zusammensetzt. Ihre einzelnen Elemente erinnern zugleich an anatomische Fragmente, aufgeblähte synthetische Gebilde und abstrakte skulpturale Komponenten. Zwischen Wiedererkennbarkeit und Abstraktion schwebend, entzieht sich die Figur einer eindeutigen Deutung und erscheint vielmehr als ein Körper im Prozess des Werdens.
Das Gemälde knüpft an die lange Tradition des Atelierbildes an und erinnert an die ausgeprägte Materialsensibilität der flämischen Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts, in der die Darstellung von Oberflächen selbst zum künstlerischen Thema wurde. Licht dient hier nicht allein dazu, Volumen zu definieren, sondern erzeugt eine beinahe haptische Präsenz. Reflexe gleiten über die Figur, als würden sie über polierten Marmor, lackiertes Metall, Glas oder hochglanzpolierten Stein wandern, wodurch der gemalte Körper eine unverkennbar skulpturale Qualität erhält. Das Werk bewegt sich zwischen Malerei und Objekt und macht den historischen Dialog zwischen beiden Disziplinen sichtbar.
Der Titel verweist auf das biologische Phänomen der Parthenogenese – die Entstehung von Leben ohne Befruchtung. Anstatt diesen wissenschaftlichen Prozess zu illustrieren, nutzt das Gemälde ihn als konzeptuellen Bezugsrahmen, um über Autonomie, Selbstgenügsamkeit und Selbsterschaffung nachzudenken. Die Figur erscheint vollständig, ohne auf ein äußeres Gegenüber angewiesen zu sein. Sie funktioniert als geschlossenes System und existiert zugleich als Organismus, Objekt und Zeichen.
Entstanden während eines Aufenthalts im International Studio & Curatorial Program (ISCP) in New York, nimmt das Werk zugleich die Atmosphäre einer Stadt auf, die von den Idealen individueller Neuerfindung, Sichtbarkeit und permanenter Selbsttransformation geprägt ist. Die Figur ist kein Porträt einer bestimmten Person, sondern ein Bild einer zeitgenössischen Verfasstheit – angesiedelt zwischen Selbsterfindung, Selbstbehauptung und fortwährender Transformation.
Anstatt eine psychologische Erzählung zu entwickeln, untersucht Parthenogenesis II das Verhältnis von Form, Oberfläche und Verkörperung. Die Figur erscheint zugleich verletzlich und monumental, organisch und künstlich. Damit geht das Gemälde über die Darstellung eines Individuums hinaus und entwirft stattdessen eine zeitgenössische Ikone der Autonomie – eine Ikone, die sowohl das emanzipatorische Versprechen als auch die tiefgreifende Ambivalenz der Konstruktion des Selbst im 21. Jahrhundert widerspiegelt.
